Warum ist Absinth umstritten? Geschichte, Verbote und Wahrheiten
Jan, 8 2026
Absinth war ein Getränk, das Künstler, Dichter und Bohemiens in den 1800er Jahren verehrten - und das Regierungen auf der ganzen Welt verboten. Es wurde als gefährlich, hallucinogen und moralisch zerstörerisch beschrieben. Doch was war wirklich dran an diesen Ängsten? War Absinth wirklich so giftig, wie man sagte? Oder war es nur ein Opfer von Angst, Propaganda und wirtschaftlichem Wettbewerb?
Die grüne Fee: Ein Getränk mit Geschichte
Absinth entstand im späten 18. Jahrhundert in der Schweiz, verbreitete sich aber schnell durch Frankreich, wo er bis zu 36 Millionen Liter pro Jahr konsumiert wurden. Er wurde aus Wermut, Anis und Fenchel destilliert - und bekam seine charakteristische grüne Farbe durch das Aufbrühen von Kräutern nach der Destillation. Die Farbe verlieh ihm den Spitznamen „la fée verte“, die grüne Fee. Für viele war er ein Symbol der künstlerischen Freiheit. Baudelaire, Oscar Wilde, Verlaine, Verdi und sogar Van Gogh tranken ihn - und schrieben über seine Wirkung.
Doch die Wirkung war nicht magisch. Der Alkoholgehalt lag zwischen 45 und 74 Prozent - deutlich höher als bei Whisky oder Wodka. Das war kein Trick. Das war einfach nur stark. Und das war das erste Problem: Menschen tranken ihn nicht als Aperitif, sondern als Ersatz für Bier oder Wein. Sie tranken ihn in großen Mengen, oft mehrmals am Tag. Die Folgen? Alkoholismus, Leberschäden, Verwirrtheit. Aber das war nicht Absinth, das war reiner Alkohol.
Thujon: Der Schuldige, der gar nicht schuldig war
Der wahre Grund für die Panik hieß Thujon. Dieses ätherische Öl kommt in Wermut vor - und wurde in der Öffentlichkeit als halluzinogen beschrieben. Behauptet wurde, Thujon löse Krampfanfälle, Psychosen und sogar Wahnsinn aus. Die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts hatten keine genauen Messmethoden. Sie nahmen an, dass der hohe Wermutanteil in Absinth Thujon in gefährlichen Mengen freisetze.
Heute wissen wir: Selbst bei den stärksten historischen Absinthrezepturen lag der Thujongehalt bei maximal 200 mg pro Liter. Moderne Absinthe dürfen in der EU bis zu 35 mg pro Liter enthalten - und das ist völlig ungefährlich. Um eine toxische Dosis Thujon zu erreichen, müsstest du mehr als 1 Liter Absinth auf einmal trinken - und würdest vorher an Alkoholvergiftung sterben. Die Wirkung von Thujon ist übertrieben worden. Es ist kein LSD. Es ist kein Halluzinogen. Es ist ein ätherisches Öl, das in kleinen Mengen in vielen Kräutern vorkommt - wie Salbei oder Zypressen.
Die Verbote: Angst, Politik und Wirtschaft
Warum wurde Absinth dann verboten? Nicht, weil er gefährlich war. Sondern weil er unbequem war.
Frankreichs Weinindustrie litt unter einer Reblaus-Epidemie in den 1880er Jahren. Die Weinsorten starben, die Preise stiegen. Gleichzeitig wurde Absinth immer beliebter - besonders unter Arbeitern und Soldaten. Er war billig, stark und leicht verfügbar. Die Weinproduzenten begannen, Absinth als „Teufelsgetränk“ zu beschimpfen. Sie finanzierten Kampagnen, die angebliche Fälle von „Absinthwahn“ verbreiteten. Ein berühmter Fall: 1905, ein Schweizer Bauer namens Jean Lanfray erschoss nach dem Trinken von Absinth seine Familie. Er hatte zuvor auch Wein und Cognac getrunken - aber die Presse machte nur Absinth verantwortlich. Der Fall wurde zu einem Propaganda-Meilenstein.
1905 wurde Absinth in der Schweiz verboten, 1910 in den Niederlanden, 1915 in Frankreich, 1912 in den USA. Deutschland folgte 1923. Die Verbote hatten weniger mit Gesundheit zu tun - sie waren eine Reaktion auf soziale Angst, wirtschaftlichen Druck und politische Stabilität. In einer Zeit, in der Alkoholismus als nationale Bedrohung galt, war Absinth der perfekte Sündenbock.
Die Rückkehr: Was ist heute legal?
Die Verbote hielten bis in die 1990er Jahre an. Doch in den 2000er Jahren begann sich die Wissenschaft zu ändern. Die EU legte klare Grenzwerte für Thujon fest: 35 mg/l für Absinth, 10 mg/l für andere Spirituosen. Die USA folgten 2007 mit ähnlichen Regeln. Plötzlich durfte Absinth wieder verkauft werden - aber nicht mehr so wie früher.
Heutige Absinthe sind nicht giftig. Sie sind nicht hallucinogen. Sie sind einfach nur hochprozentig und kräuterreich. Die meisten Hersteller verwenden heute natürliche Kräuter, keine chemischen Zusätze. Die Farbe ist nicht künstlich - sie kommt aus echtem Pflanzenaufguss. Der Geschmack ist komplex: bitter, süß, würzig, mit Anis, Fenchel und Wermut. Und er wird nicht mehr aus dem Flaschenhals getrunken - sondern klassisch mit einem Zuckerwürfel und kaltem Wasser, das ihn milchig trüb macht. Dieser Vorgang heißt „louching“ - und er ist Teil der Tradition.
Warum bleibt die Kontroverse?
Obwohl Absinth seit über 15 Jahren legal ist, hält sich das Mythos. Warum? Weil die Geschichte so stark ist. Weil die Bilder von Van Gogh mit dem Glas in der Hand, von Oscar Wilde mit der Flasche, so tief in der Kultur verankert sind. Weil Menschen gerne an das Geheimnisvolle glauben. Weil es einfacher ist, einem Getränk die Schuld zu geben, als der eigenen Sucht.
Einige Kneipen und Bars verkaufen noch immer „historische Rezepte“ mit hohem Thujon - aber das ist illegal. In der EU und USA sind diese Produkte nicht zugelassen. Wer behauptet, er habe einen „echten“ alten Absinth getrunken, der halluziniert - der hat wahrscheinlich nur zu viel Alkohol getrunken.
Die wahre Gefahr von Absinth war nie der Wermut. Sie war die Verwechslung von Stärke mit Magie. Ein Getränk, das zu viel Alkohol enthielt, wurde als Dämon beschrieben - und so wurde es verboten. Heute wissen wir: Es war kein Hexengetränk. Es war ein Alkoholproblem - verkleidet als Kräuterelixier.
Was du heute wissen musst
- Absinth ist heute legal - und sicher - in der EU, USA und vielen anderen Ländern.
- Der Thujongehalt ist streng reguliert und nicht gefährlich.
- Er wirkt nicht halluzinogen. Die Wirkung kommt vom Alkohol - nicht von den Kräutern.
- Die grüne Farbe ist natürlich, nicht künstlich.
- Trink ihn langsam. Er ist stark. 45-70 % Alkohol sind kein Spiel.
- Wenn du ihn trinkst: Nutze den traditionellen Service mit Zucker und kaltem Wasser. So schmeckt er am besten.
Die Kontroverse um Absinth ist keine wissenschaftliche. Sie ist eine kulturelle. Sie erzählt uns mehr über unsere Ängste als über das Getränk selbst. Wer heute Absinth trinkt, trinkt nicht eine Droge. Er trinkt Geschichte. Und er trinkt sie mit Respekt - nicht mit Angst.
Ist Absinth heute noch illegal?
Nein, Absinth ist in der EU, den USA, Kanada, Australien und vielen anderen Ländern legal. Seit den 2000er Jahren gelten klare Grenzwerte für Thujon - meist 35 mg pro Liter. Moderne Absinthe entsprechen diesen Vorschriften und dürfen verkauft werden. Alte Rezepte mit hohem Thujon sind nicht mehr erlaubt.
Kann Absinth halluzinieren?
Nein. Absinth verursacht keine Halluzinationen. Der Mythos entstand, weil der hohe Alkoholgehalt zu Verwirrung, Benommenheit und Verlust der Kontrolle führen kann - ähnlich wie bei anderen starken Spirituosen. Thujon ist in den erlaubten Mengen nicht psychoaktiv. Studien haben gezeigt, dass man mehrere Liter Absinth trinken müsste, um eine Thujon-Dosis zu erreichen, die überhaupt wirken könnte - und man würde vorher an Alkoholvergiftung sterben.
Warum wurde Absinth verboten?
Absinth wurde nicht wegen seiner Giftigkeit verboten, sondern wegen politischer und wirtschaftlicher Gründe. Die Weinindustrie in Frankreich sah in Absinth eine Konkurrenz und nutzte Angst vor Alkoholismus, um ihn zu verdammen. Einzelne, oft übertriebene Fälle von Gewalt wurden als „Absinthwahn“ dargestellt. Die öffentliche Meinung wurde manipuliert - und 1915 wurde er in Frankreich verboten. Andere Länder folgten.
Ist Absinth heute anders als früher?
Ja. Heutige Absinthe enthalten weniger Thujon und keine chemischen Zusätze. Die Farbe ist natürlich durch Kräuteraufguss, nicht durch Kupfersulfat (das früher manchmal verwendet wurde, um die Farbe zu stabilisieren). Der Geschmack ist oft reiner und ausgewogener. Die Destillation ist moderner, die Qualität höher. Der Mythos bleibt - aber das Getränk ist sicherer als je zuvor.
Wie trinkt man Absinth richtig?
Traditionell wird Absinth mit einem speziellen Löffel, einem Zuckerwürfel und kaltem Wasser serviert. Der Zuckerwürfel wird auf den Löffel gelegt, kaltes Wasser wird langsam darüber getropft - das löst die Kräuteröle und macht die Flüssigkeit milchig („louching“). So wird der Alkohol abgeschwächt, die Aromen entfalten sich. Trink ihn nicht pur. Er ist zu stark. Und er ist kein Shot - er ist ein Ritual.
Was kommt als Nächstes?
Wenn du Absinth ausprobieren möchtest, suche nach europäischen Marken wie La Clandestine, Pernod Ricard Absinthe oder Kübler. Vermeide Produkte, die „historische Rezepte“ versprechen - die sind oft illegal oder gefährlich. Lies die Etiketten: Thujon-Gehalt unter 35 mg/l ist sicher. Und vergiss den Mythos: Es ist kein Zaubertrank. Es ist ein starkes, komplexes, wunderschönes Getränk - mit einer Geschichte, die man respektieren sollte.