Was wird Absinth wirklich zugemischt? Die Wahrheit hinter dem grünen Geist

Was wird Absinth wirklich zugemischt? Die Wahrheit hinter dem grünen Geist Jan, 23 2026

Vielleicht hast du schon mal einen Film gesehen, in dem ein Künstler aus dem 19. Jahrhundert vor einem Glas grüner Flüssigkeit sitzt, die Augen weit aufgerissen, als würde er Geister sehen. Absinth war damals der Drink der Bohème - teuer, verboten, mystisch. Und immer wieder kam die Frage: Was ist eigentlich drin, das diesen Drink so gefährlich machen sollte? Die Antwort ist einfacher, als du denkst - und viel weniger dramatisch, als die Legenden behaupten.

Die Wahrheit über das angebliche Gift

Viele glauben, Absinth enthalte eine tödliche Substanz namens Thujon, die Halluzinationen auslöst und das Gehirn zerstört. Das ist ein Mythos, der aus Angst, Missverständnissen und politischen Interessen entstand. Thujon ist ein ätherisches Öl, das natürlich in Wermut vorkommt - und Wermut ist der Hauptbestandteil von Absinth. Aber die Menge? Sie ist winzig. Selbst in traditionell hergestelltem Absinth liegt der Thujongehalt bei weniger als 10 Milligramm pro Liter. Heutige europäische Gesetze erlauben bis zu 35 mg/l, und selbst das ist weit unter der Dosis, die irgendwelche neurologischen Effekte auslösen könnte.

Ein Mensch müsste mehr als zwei Liter reines Absinth auf einmal trinken, um eine giftige Dosis Thujon zu erreichen. Das ist unmöglich - weil du vorher an Alkoholvergiftung sterben würdest. Absinth hat einen Alkoholgehalt von 45 bis 74 Prozent. Das ist stärker als viele Whiskeys oder Vodkas. Der Effekt, den Menschen damals beschrieben, kam also nicht von einem geheimen Gift, sondern von purem Alkohol - kombiniert mit extremer Armut, schlechter Ernährung und fehlender medizinischer Versorgung.

Warum wurde Absinth verboten?

Die Absinth-Verbotsbewegung begann nicht wegen der Wirkung des Getränks, sondern wegen der Angst davor. Ende des 19. Jahrhunderts war Europa von Alkoholismus geplagt. In der Schweiz, Frankreich und anderen Ländern wurde Absinth zum Sündenbock. Bauern und Arbeiter tranken es, weil es billig war. Die Kirche und die Industrie nutzten die Gelegenheit, um es als moralische Bedrohung darzustellen. Eine berühmte Mordgeschichte aus dem Jahr 1905 - ein Landwirt namens Jean Lanfray erschoss seine Familie, nachdem er mehrere Gläser Absinth getrunken hatte - wurde weltweit verbreitet. Die Medien schrien: „Absinth macht wahnsinnig!“

Doch die Wahrheit war anders: Lanfray hatte zuvor schon drei Flaschen Wein, einen Schnaps und eine Portion Cognac getrunken. Seine Tat war das Ergebnis von chronischem Alkoholmissbrauch - nicht von einem speziellen Gift im Absinth. Trotzdem wurde das Getränk in der Schweiz 1908, in den USA 1912 und in vielen anderen Ländern bis in die 1920er-Jahre verboten. Die Industrie der Weinkellereien und Bierbrauereien unterstützte das Verbot - sie sahen in Absinth einen Konkurrenten.

Was ist heute wirklich in Absinth?

Heutiger Absinth ist kein chemisches Experiment. Er besteht aus drei Hauptkräutern: Wermut (Artemisia absinthium), Anis und Fenchel. Diese werden mit Alkohol destilliert, dann oft mit weiteren Kräutern wie Melisse, Sternanis oder Petersilie nachgezogen. Der berühmte grüne Farbstoff kommt nicht aus Chemie, sondern aus Chlorophyll - das aus den Kräutern beim Nachziehen in den Alkohol übergeht. Wenn du den Absinth mit Wasser verdünnst, wird er milchig - das nennt man „louche“. Das ist ein Zeichen für Qualität.

Die moderne Produktion folgt strengen EU-Richtlinien. Jeder Flasche muss ein Analysebericht beiliegen, der den Thujongehalt nachweist. In der EU darf er maximal 35 mg/l betragen - bei traditionellen Rezepturen liegt er oft bei 10-20 mg/l. In den USA sind die Grenzwerte ähnlich. Es gibt keine versteckten Substanzen. Kein LSD. Kein Heroin. Kein „grüner Dämon“. Nur Kräuter, Alkohol und Zeit.

Ein Gerichtssaal der 1890er Jahre mit einer Absinthflasche auf dem Tisch und sensationalistischen Zeitungsüberschriften.

Warum fühlt sich Absinth anders an?

Du fragst dich vielleicht: Wenn es kein Gift gibt, warum fühlt sich das Trinken von Absinth dann so anders an als bei anderen Spirituosen? Die Antwort liegt in der Komplexität der Aromen und der Trinkkultur.

Absinth ist ein stark aromatisierter Schnaps mit mehr als 80 verschiedenen pflanzlichen Bestandteilen. Der Körper reagiert nicht nur auf den Alkohol, sondern auf die Kombination aus Anis, Fenchel und Wermut - die zusammen eine Art „sensory overload“ auslösen. Viele Menschen berichten von einer klaren, fast meditativen Wirkung - nicht von Halluzinationen, sondern von erhöhter Wahrnehmung. Das liegt an der Art, wie die ätherischen Öle mit dem Alkohol interagieren. Es ist nicht giftig - es ist intensiv.

Die traditionelle Zubereitung mit Zuckerwürfel und kaltem Wasser verlangsamt das Trinken. Du trinkst nicht schnell - du genießt. Diese bewusste Art des Konsums verändert die Erfahrung. Es ist kein Rausch, es ist eine Zeremonie.

Was ist mit den „verbotenen“ Absinthen aus der Vergangenheit?

Es gibt Gerüchte, dass frühere Absinthe mit Blei, Kupfer oder sogar giftigen Farbstoffen versetzt wurden - um die Farbe kräftiger zu machen oder die Herstellung zu beschleunigen. Das ist teilweise wahr. In der Zeit vor der Industrialisierung gab es viele billige, schlecht hergestellte Produkte. Einige Hersteller verwendeten Kupferkessel, die mit Schwermetallen kontaminiert waren. Andere fügten chemische Farbstoffe hinzu, um den grünen Farbton zu erzeugen, ohne die Kräuter lange ziehen zu lassen.

Doch das war kein Standard - es war Betrug. Die besten Absinthe der Belle Époque, wie die von Henri-Louis Pernod oder Jean-Michel Veuve, verwendeten nur natürliche Zutaten und lange Destillationsprozesse. Sie waren teuer, und ihre Qualität war bekannt. Die verbotenen Absinthe, die heute als „historisch authentisch“ vermarktet werden, sind oft Rekonstruktionen - und viele davon enthalten mehr Thujon als damals, weil man heute besser weiß, wie man es kontrolliert.

Wie erkennt man einen guten Absinth heute?

Wenn du heute Absinth kaufst, achte auf drei Dinge:

  1. Thujongehalt: Suche nach Angaben auf dem Etikett. Ein echter Absinth hat zwischen 10 und 35 mg/l. Wenn da nichts steht, ist es vielleicht kein echter Absinth, sondern nur ein Kräuterlikör.
  2. Zutatenliste: Ein echter Absinth enthält Wermut, Anis und Fenchel - und keine künstlichen Aromen oder Farbstoffe. Wenn du „natürliche Aromen“ siehst, ist das in Ordnung - aber wenn du „Farbstoff E133“ oder „Konservierungsmittel“ findest, lauf weg.
  3. Herstellungsweise: „Distilled“ oder „authentisch destilliert“ ist das Stichwort. Absinth, der nur mit Aromen angereichert wurde („compound Absinth“), ist kein echter Absinth. Er schmeckt flach und hat keine Tiefe.

Ein guter Absinth verändert sich im Glas. Er duftet nach Wermut, Anis und etwas Erde. Wenn du ihn mit Wasser verdünnst, wird er milchig und riecht noch intensiver. Der Geschmack ist nicht süß - er ist herb, komplex, fast medizinisch. Und er hinterlässt einen langen Abgang - nicht einen Kater, sondern eine Erinnerung.

Ein modernes Absinth-Glas, das durch tropfendes Wasser milchig wird, umgeben von schwebenden Kräutern.

Was ist mit den Halluzinationen?

Die meisten Berichte über Halluzinationen stammen aus einer Zeit, in der Menschen unterernährt, alkoholabhängig und ohne medizinische Betreuung lebten. Die Kombination aus chronischem Alkoholmissbrauch, Mangel an Vitamin B1 (Thiamin) und schlechter Lebensbedingungen führte zu Wernicke-Korsakow-Syndrom - einer neurologischen Erkrankung, die Halluzinationen, Gedächtnisverlust und Verwirrtheit verursacht. Diese Symptome wurden fälschlicherweise dem Absinth zugeschrieben.

Heute gibt es keine dokumentierten Fälle von Halluzinationen durch konsumierten Absinth in normalen Mengen. Selbst in wissenschaftlichen Studien - wie einer von der Universität Zürich aus dem Jahr 2006 - wurde gezeigt, dass Absinth mit den damaligen Höchstgrenzen an Thujon keine signifikanten psychischen Effekte hervorruft, die über die Wirkung von reinem Alkohol hinausgehen.

Wie trinkt man Absinth heute richtig?

Trinkst du Absinth wie einen Schnaps? Dann verpasst du die Erfahrung. Die traditionelle Methode ist einfach:

  1. Fülle ein Glas mit 30-40 ml Absinth.
  2. Lege einen speziellen Absinthlöffel mit einem Zuckerwürfel darauf.
  3. Stelle ein Gefäß mit eiskaltem Wasser darüber - langsam, tropfenweise.
  4. Warte, bis der Zucker sich auflöst und der Absinth milchig wird.
  5. Trinke langsam. Genieße die Aromen, die sich im Wasser entfalten.

Du brauchst keinen Zucker? Dann probiere es ohne. Einige puristen trinken ihn sogar unverdünnt - aber nur, wenn sie wissen, was sie tun. Der Alkohol ist stark. Respektiere ihn.

Was ist mit dem Mythos vom „grünen Geist“?

Der „grüne Geist“ war nie ein Geist - er war ein Symbol. Ein Symbol für Freiheit, Künstlertum, Rebellion und das Ende einer Epoche. Absinth war das Getränk der Poeten, Maler und Schriftsteller - von Oscar Wilde bis zu Van Gogh. Sie tranken es nicht, weil es sie wahnsinnig machte. Sie tranken es, weil es sie lebendig machte. Weil es sie in eine Welt voller Farben und Klänge tauchte - nicht durch Gift, sondern durch Kunst, Kultur und Kreativität.

Heute ist Absinth wieder legal. Er ist nicht gefährlich. Er ist nicht magisch. Er ist einfach ein komplexes, wunderschönes Getränk - mit einer Geschichte, die man respektieren sollte. Wenn du ihn trinkst, tue es bewusst. Nicht als Abenteuer. Nicht als Herausforderung. Sondern als Erbe.

Ist Absinth heute noch legal?

Ja, Absinth ist in der EU, den USA und vielen anderen Ländern legal. Seit den 2000er-Jahren gibt es klare Grenzwerte für Thujon - in der EU maximal 35 mg/l. Moderne Absinthe entsprechen diesen Vorschriften und sind sicher zum Konsum.

Kann Absinth wirklich Halluzinationen verursachen?

Nein. Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass Absinth in normalen Mengen Halluzinationen auslöst. Die Berichte aus dem 19. Jahrhundert stammen aus Zeiten mit extremem Alkoholmissbrauch, schlechter Ernährung und mangelnder medizinischer Versorgung. Moderne Studien zeigen, dass die Wirkung von Absinth rein auf den Alkoholgehalt zurückzuführen ist.

Was ist Thujon und ist es giftig?

Thujon ist ein natürlich vorkommendes ätherisches Öl in Wermut und einigen anderen Kräutern. In hohen Dosen kann es neurotoxisch wirken - aber die Menge in Absinth ist zu gering, um gefährlich zu sein. Du müsstest mehr als zwei Liter Absinth auf einmal trinken, um eine giftige Dosis zu erreichen - und du würdest vorher an Alkoholvergiftung sterben.

Warum wird Absinth grün?

Der grüne Farbstoff kommt aus Chlorophyll, das aus den Kräutern wie Melisse, Petersilie und Wermut beim Nachziehen in den Alkohol übergeht. Es ist ein natürlicher Prozess. Künstliche Farbstoffe sind bei echtem Absinth nicht erlaubt.

Wie unterscheidet sich Absinth von Wermut?

Wermut ist ein einzelnes Kraut - Absinth ist ein Destillat, das aus Wermut, Anis und Fenchel hergestellt wird. Wermut wird oft als Aperitif getrunken, Absinth ist ein starker Spirituose, der traditionell mit Wasser verdünnt wird. Absinth hat eine viel komplexere Aromenstruktur.